triesterstrasse 52 - der liebe wegen

January 13, 2017

 

während ich den kaffee mahle eine verantwortungsvolle tätigkeit

 für ein kind mit fünf jahren

von hand mahlen nicht zu grob und nicht zu fein

stecke ich verbotener weise zuerst meinen zeigefinger in den honigtiegel

und dann diesen zeigefinger

in die sich langsam füllende lade der kaffeemühle

und schlecke meinen zeigefinger ab

 

 sonntags kommen meine grosseltern aus wien zu besuch

sie geben mir geld um bei der milchfrau wesely kaffe aus triest einzukaufen

5 dekagramm kaffee für die sonntagsjause

vom guten kaffee von dem der aus triest kommt

von der frau wesely die immer offen hat

mir war nie klar wird der kaffee in triest angebaut

oder kommt er womöglich mit dem schiff nach triest

 bis zum heutigen tag bin ich von dem wort – triest – ergriffen

in der triesterstrasse wohnen und kaffee aus triest vom honigfinger schlecken

ist  das wort triest der inbegriff alles grossen ungeheuerlichen

während unser untermietzimmer in der triesterstrasse

für armut vorenthaltung und entsagung steht

steht das wort triest für alles ungeheuerliche grossartige

und während ich sonntag nachmittag den kaffee mahle

 fährt micky blum mit seiner pferdekutsche meine wiener grosseltern vom bahnhof neunkirchen zu unserem zimmer im handelskammerhaus in die triesterstrasse 52

 

im garten steht ein altes gefängnis darin lebt anna blum aus odessa

lebt ihr sohn mickey blum und seine zwei pferde

in diesem  gefängnis wurden von den neunkirchner nazis

die  neunkirchner juden hineingesteckt

nach dem abtransport der juden stand das gefängnis leer

bis die zellen von den ss offizieren als bordell

 für die vom osten verschleppten frauen verwendet wurden

eine  dieser frauen ist meine anna blum aus odessa

als die russen neunkirchen übernahmen behielten sie das bordell

und seitdem bezahlen sie meine anna blum

mit wodka für anna und mit heu für die pferde

anna blum bekommt zusätzlich geld von  den jugendlichen

die während der russischen herrenbesuche

durch das guckloch der gefängnistür zuschauen dürfen

das zuschauergeld dafür – 10 groschen pro bub – darf ich  für frau blum einheben

eine einträgliche als auch verantwortungsvolle tätigkeit

 für einen fünfjährigen in den fünfzigerjahren

mit diesem geld wiederum kauft frau blum mehl

bäckt in ihren arbeitspausen odessabrot

und ich bekomme das noch warme brotscherzel

als stärkung für unseren weg in den stadtpark für marie und für mich

odessa – was für ein wort denke ich - anna blum – was für ein wort

brotscherzel – was für ein wort - marie was für ein wort - aber davon später 

 

wenn die heranwachsenden zuschauen kommen

heben sie mich manchmal zum guckloch hinauf

wobei mich männer auf meiner anna blum  anwidern

hingegen bin ich immer glücklich

durch das guckloch anna beim anziehen zusehen zu können

als gegenleistung  zeige ich den buben

wie man ohne zu bezahlen in das parkkino hineinkommt

in das  parkkino im stadtpark neunkirchen „ conni und peter in italien „

" fuzzi und die schlacht im wilden westen "

 

unsere einzimmer untermiete ist tagsüber warteraum und ordination

abends küche und nachts leer

wenn mein vater seine patienten besucht und meine mutter meinen vater sucht

diese nächte sind meine zeit meine zeit zum lesen lernen nächtelang lesen lernen

„ nesthäkchen fliegt aus dem nest „ lesen lernen bedeutet aber in wahrheit für mich

lesen der autobusbeschriftungen und der ortstafeln

für meinen plan für meinen weg   n a c h     t r i e s t der weg nach triest

alles vorbereitet im leeren zimmer in all diesen nächten ohne eltern

während vater seine patienten besuchtund mutter meinen vater sucht

und ich im kindergartenatlas suche

 

einfach die triesterstrasse entlang so lange die füsse tragen

 bis ich in triest bin – was sonst

micky sagt er nimmt mich mit

 zumindest bis zum semmering kohle liefern

vom bergwerk grünbach über die adlitzgräben

 die alte römerstrasse hinauf auf den semmering

 zwei pferde mehr tot als lebendig

 zwei wochen hinauf auf den semmering

in der hosentasche das brotscherzel meiner anna blum im  juni 1955

alles vorbereitet in allen nächten im bett mit der petroleumlampe

 während vater patienten besucht und mutter den vater sucht

die notlüge vorbereitet für den der mich auf meinem weg nicht gehen lassen will

der mich heimschicken will „ meine eltern sind mit dem puchroller verunglückt

und meine grosseltern leben in triest „ not – lüge "– was für ein wort !! denke ich

den ersten abend nicht zum semmering

sondern nur einen kilometer in die spinnerei rohrbach

micky sagt –  spinnerei rohrbach die caterina valente singt in der spinnerei rohrbach

vier zuschneidetische zusammengeschoben für caterina valente

micky und sein wodka und ich zwischen den webstühlen am teer boden

caterina valente und der herr burschi auf den zuschneidetischen

ein schiff wird kommen tschau tschau bambina

caterina valente und der herr burschi am klavier   m e i n   herr burschi

der herrr klavierspieler burschi der eigentlich herr fritz heisst

aber alle amerikaner und alle russen nennen ihn immer nur herr burschi

hat zuerst in wien gespielt tigerkäfig tanzcafe fuhrmanngasse

und ist dann nach neunkirchen „ der liebe wegen „

bis zum heutigen tag liebe ich den satz „ der liebe wegen „

mit fünf jahren war mir die bedeutung der liebe wegen nicht klar

aber ich liebte den satz der liebe wegen

als mich der lehrer schlögel in der ersten klasse schule 

mühlfeldvolksschule fragt warum ich schon wieder die schule schwänze

antwortete ich nur : „ der liebe wegen „ mehr brauche ich ihnen ja nicht zu sagen…

 

den klosterkindergarten in der fabriksgasse

 von dem ich den weltatlas mitgehen habe lassen

 schwänze ich nicht ich sage nur den klosterschwestern

„ ich muss mit meinen eltern die krankenscheine nach wien bringen „

und bin schon frei schon frei frei für meinen stadtpark

frei für marie frei für die amseln im stadtpark die mit den roten kehlchen

frei für die noch warmen brotscherzel – meiner anna blum – f r e i

herr burschi mit dem lincoln  continental

er spielt zum frühschoppen für die amerikaner in der maxingstrasse in hietzing

nachmittags für die franzosen im tanzcafe tigerkäfig fuhrmanngasse

abends bei den russen im bordell „ zur zinkin „ in neunkirchen

in neunkirchen im bahnhofsbordell mit den drei meter hohen glastischen

 auf denen die frauen in röcken ohne unterhosen tanzen

 und die offiziere stehen unter den glastischen

und am wochenende spielt der herr burschi für die caterina valente

 durch österreich und  italien

ich transportiere seit einem jahr  für meinen herrn burschi sacharin

und schweizer schokolade zu den russen

und von den russen hefte mit nackten frauen zum herrn burschi

 der herr burschi bringt die hefte zu den amerikanern

und die amerikaner schenken meinem herrn burschi

für jede monatslieferung eine monatsrate

für seinen neuen schwarzen lincoln continental 1955

ein bub mit fünf jahren mit einem kleinen blauen leinenrucksack

hat keine probleme mit dem „ schleich „ sagt mein herr burschi

und legt drei polster auf die lincoln lederbank

 setzt mich auf die drei polster und sich selbst neben mich

drückt einen knopf im zedernholzarmaturenbrett

und ein amerikanischer kofferplattenspieler

gleitet aus dem zedernholzarmaturenbrett

und der herr burschi legt die neue caterina valente schallplatte

„ komm ein bisschen mit nach italien „

auf den kofferplattenspieler seines lincoln continental

und ich darf mit dem  lincoln continental fahren

durch die neunkirchner allee in den  föhrenwald

zur russenvilla im wald bei sankt egyden schmuck liefern

sacharin und schokolade und der herr burschi

setzt sich mit mir an den johannesbach im föhrenwald

und fischt forellen und ich pflücke walderdbeeren

oder ich spiele in diesem föhrenwald fussball mit meinen faunen mit meinen waldfaunen die niemand ausser mir sehen kann

wir haben zwei tore die niemand sehen kann

die faune haben ein tor und ich habe ein tor

und die faune lassen sich strahlend und lachend

 von mir ein tor nach dem anderen schiessen

mit diesen föhrenwaldpockerln ein tor nach dem anderen

ich habe dann  gedacht dass ich mit diesen vielen toren

 die mir in diesen föhrenwaldjahren gelingen:

ich werde mit sicherheit einer der besten fussballer der welt werden!

eines tages habe ich meine faune in meinem föhrenwald in ihrem föhrenwald gefragt

warum sie sich denn derart über jedes erhaltene tor freuen

 und sie haben mir erklärt und ihr gesicht hat gestrahlt

der sinn ihres spieles und ihres daseins sei: nichts zu verhindern – keine tore

 und schon gar nicht einen erfolg zu verhindern…nichts verhindern

das alles verdanke ich und das bis zum heutigen tag

den faunen und dem föhrenwald  meinem herrn burschi und seinem lincoln

bis zum heutigen tag ist das wort lincoln für mich das schönste aller worte

das wort „ schleich „  das schönste aller worte

„ schwarzmarktschleich „ das schönste aller worte

ich habe jahre gebraucht um zu verstehen

dass das wort schwarzmarkt nichts mit farbe zu tun hat

dass mir der  schwarzmarkt am mittwoch fünf uhr nachmittag

 das kasperlfernsehen als belohnung bringt fernsehen in der russenvilla 1955

in der russenvilla in der schöllerstrasse der erste fernseher in österreich

triest und lincoln die schönsten aller worte

odessa und johannesbach und das wort walderdbeere

marie und der liebe wegen die schönsten aller worte

es wird der tag kommen wenn ich gross bin hab ich mir  und marie versprochen

dann werde ich einen lincoln continental fahren

oder zumindest einen lincoln capri mit marie und

mit dem lincoln  auf einen kaffee nach triest und nur der liebe wegen

der liebe wegen spielen die grotz marie und ich

all die sommerjahre im stadtpark unter den weiden

im winter auf dem klo des wirtshauses

des wirtshauses ihrer eltern in der triesterstrasse

im sommer im stadtpark unter den uferweiden

 im schöllerbleckmannkanal flusskrebse fangen

auch im semperitkanal auch im brevillier urban kanal

sogar im wiener neustädter kanal

aber die größten und die rötlichsten krebse waren

im schöller bleckmann kanal vielleicht von der eisenerzeugung

während marias eltern tag und nacht im wirtshaus arbeiten

sich zum tode abarbeiten bis heute das fürchterlichste aller worte

und meine eltern tag und nacht für die krankenscheine arbeiten

liegen die grotz marie und ich unter den uferweiden

oder stehen im wirtshausklo in der triesterstrasse

ich zeige marie wie die männer der anna blum sich ausziehen

und marie zeigt mir wie anna blum sich wieder anzieht

als marias mutter eines tages zur gleichen zeit aufs klo muss

während maria und ich am klo „ frau blum spielen „

hat das spielen ein ende für immer

ich habe mit fünf jahren nicht wissen können dass es ein buch der rekorde gibt

sonst hätte ich mich in das buch der rekorde eintragen lassen

als jüngster mensch der welt mit einem gasthausverbot

mehr brauche ich ihnen ja nicht zu sagen…

 

alle diese berge  gelber autobus mit den schildern mürzzuschlag und bruck

und villach gelbe postautobusse schwarze leiter hinten auf das dach hinauf

zum klettern für den fahrer für das gepäck

und  ich unter dem gepäcknetz auf dem autobusdach

ich weiß ich sollte niemand anlügen

der mich fragt wer ich bin und warum ich allein bin

 nicht mit dem tod meiner eltern anlügen aber ich habe angst

 dass sie mich mit der wahrheit zurückschicken

wie ich immer angst gehabt habe dass ich mit der wahrheit zurückgeschickt werde

bis zum heutigen tag hab ich angst dass ich mit der wahrheit zurückgeschickt werde

entweder ich werde mit der lüge zurück geschickt oder mit der wahrheit

in allen diesen autobussen und lastkraftwagen

 denke ich während dieser langen fahrten

 über österreichische und italienische schotterwege

 an marie und ihr ausgangsverbot an mich und mein gasthausverbot

marie ohne mich und allein in der wirtsstube

 hinter dem  hinter dem sägespäne kanonenofe

ich denke ob meine mutter meinen vater schon gefunden haben mag

es verschließt mir den hals in der fahrerhauskabine

der kleine enge hals wie der kleine rote hals der amseln  abends

im stadtpark von neunkirchen und ich weine - um marie

hinauf nach arnoldstein durch die wälder

hinunter nach pontebba in das sogennannte kanaltal

wie im kindergartenatlas unter der bettdecke gelernt

pontebba  was für ein wort tagliamento was für ein wort

bis zum heutigen tag lerne ich aus strassenkarten

das einzige studium das mich jemals interessiert hat

weltkarten strassenkarten inselkarten

 

es ist juni und es ist heiss aber es friert in der nacht im kanaltal

und nur von melonenresten kann ich nicht leben

mich haben italienische strassenverkäufer aufgenommen

melonenverkäufer aus der poebene

die ihre melonen auf ihrem pferdewagen verkaufen

in der nacht darf ich auf ihrem pferdewagen schlafen

unter der melonenplane süss und kalt dunkel und feucht und kalt und hunger

so kalt und so hungrig dass ich weder schlafen kann

vor hunger kann ich nicht einmal an marie denken

nicht einmal der liebe wegen vor hunger

es ist  vormittag und heiß am strassenrand vor udine

die melone macht nicht mehr satt und das wasser aus dem tagliamento

macht noch mehr hungrig und diese schwäche

und diese hitze lassen mich immer wieder wegsinken

am strassenrand am tagliamento meine beine knicken ein 

aber meine augen flüchten zur sonne und wie im stadtpark an der seite von marie

gelingt es mir die augen zu schliessen

und dennoch unmerklich einen hauch offen zu lassen

dass die klosterkindergärtnerinnen glauben ich schlafe

dass die eltern sonntag nachmittag glauben ich schlafe

aber ich schlafe nicht ich schlafe   n i e  ich habe die augen unmerklich geöffnet

sodass ich meine eigenen augenwimpern spüren kann

und dass ich alles in allen farben sehen kann

die braunen beine von marie und ihre wangen und ihr lächeln

ich kann ihr kind mein kind unser kind sehen

unser in vielen jahren unter den weidenbäumen erdachtes kind

unser geheimnis in einer welt in der es keine geheimnisse mehr gibt

nicht einmal mehr am wirtshausklo

ich kann durch die beinahe geschlossenen augen

wimpern von einem bild zum anderen bewegen

 bilder je nach wimpernstellung heranholen

ich kann unser geheimes grossartig erdachtes kind sehen

maria und unser ungeheuerlich erdachtes kind

durch die geschlossenen wimpern sehe

ich das zedernholzarmaturenbrett meines lincoln

ich rieche das zedernholz und das leder des lincoln

ich sehe die melonenschalen im mondlicht der vergangenen nacht

ich sehe  den johannesbach und ich sehe die frau blum beim anziehen

und die frau blum beim odessa brot backen

und alles und immer in regenbogenfarben

bis zum heutigen tag liebe ich meine „ augenwimpernübungen „

in all ihren regenbogenfarben

ich sitze an ausgetrockneten zugeschütteten kanälen

 und schließe die augen aber nicht ganz und alles verschwimmt und festigt sich

 zu neuen gesunden flüssen

ich sitze an diesen neuen grünen und blauen flüssen und ich sehe meine marie

wie sie sich über meine handfläche beugt

und die walderdbeere in meiner handfläche riecht

und sie beugt sich zu meiner handfläche

 und nimmt mit ihrem mund die erdbeere auf

und während ich vor schwäche und staub zittere

und vom zittern meine bilder verwackeln

 spüre ich vom hinfallen den sand in meinem gesicht und bäche aus den augen

die meine  vom zittern verwackelten bilder zum zerfliessen bringen

und ich denke am tagliamento dass meine tränen

 nicht vom traurig sein kommen

sondern vom durst und vom hunger und von der nachtkälte

und von der pontebbahitze und von der angst und von den ängsten

wie meine tränen immer von ängsten gekommen sind

ich sitze im  strassenrand von pontebba im staub

 angelehnt an  einen vergessenen „ leiterwagen „

und sehe mit geschlossenen nassen augen in die sonne

und höre einen lastwagen der sich nähert

und hinter dem lastwagen sehe ich einen lincoln

und auf dem lastwagen ist ein riesiger lautsprecher festgebunden

und ich kann das schreien des lautsprechers nicht verstehen

ich höre nur die namen valente und udine und rimini

und ich lache laut weil ich denke das ist eine täuschung

dass sind die bilder aus der wimpernübung

aber der lastwagen kommt näher und der lincoln kommt näher

ich versuche aus dem staub hochzukommen

und versuche die verklebten augen zu öffnen

und halte mich mit einer hand am leiterwagen fest

und mit der anderen hand winke ich dem lincoln

und während ich um mein leben winke und die augen öffne

sehe ich noch das letzte bild meiner wimpernübung

  sehe ich unser erdachtes kind marie und mein unglaubliches kind

unser unter den weidenbäumen am fluss erdachtes kind

unser kind welches ganz sicher soviel weiss ich

 welches ganz sicher eines tages von den weidenkronen zu maria und mir

hinunter in das gras geklettert ist

 

u m   u n s   z u   r e t t e n

 

und ich denke dass ich das alles diesem kind erzählen werde

wie ich überhaupt nur für diejenigen erzähle oder schreibe

die kind sind oder zumindest einmal in ihrem leben

für einen augenblick kind waren oder kind werden wollen

oder immer kind sein werden

während ich auf der lehmstrasse stehe und dem lincoln zuwinke

 

der liebe wegen.

 

- ende -

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

© 2020 johannes maximilian mueller | impressum | datenschutz