" barbara lebt, erde riecht "

January 16, 2017

 

 

„ barbara lebt „

 

barbara lebt - sie sei vor 60 jahren gestorben wie alle welt glaubt

wie ich es ja beinahe selbst geglaubt habe

weil ich beinahe selbst nicht mehr an mich geglaubt habe

an mich und dass barbara lebt

aber sie lebt sie ist vor 6o jahren gestorben und sie war vielleicht vier jahre jung

vielleicht auch zwei jahre jung vielleicht auch drei jahre ich sollte es wissen

man erwartet sogar von mir dass ich es weiß wer sonst soll es wissen wenn nicht ich

wie alt barbara war als sie von mir gegangen ist aber ich weiß es nicht wie alt sie war

weil mich ihr hingehen ihr wegatmen ihr hinüberleben derart getroffen hat

bis heute nacht und alle die jahrzehnte derart getroffen hat

besonders hat mich ihr zittern und zucken getroffen

ihr am ganzen körper zittern und zucken

 als sie mir in diesem fürchterlichen kranken haus zuflüsterte

 ihr  leben werde aus ihr herausgepresst

alles lebendige alles lebende alles leben werde aus ihr herausgepresst

unsere nächte mit unseren italienbüchern werden aus ihr herausgepresst

die tage mit mir werden aus ihr herausgepresst

unsere umarmungen

gegen regen und kälte an den kanälen werden aus ihr herausgepresst

diese föhrenwaldkindheit werde aus ihr herausgepresst

der geruch dieser einen und einzigen erdbeere werde aus ihr herausgepresst

 alle die schmerzen

 und die ätherfetzen der oberschwester " desd endlich schlofst "

werden aus ihr herausgepresst

und die von dieser oberschwester geöffneten fenster in diesem winter

dass es schneller gehe 

 

" des schnölla geht "

 

ahmte sie flüsternd und lächelnd

lächelnd im versuch mich von dem was sie bereits wusste abzulenken

ahmte sie flüsternd diesen fürchterlichen

wederniederösterreichisch nochsteirischen dialekt

der frau oberschwester waltraud nach

und mit ihrem vor schmerzen flackernden gesicht fragte sie mich

was ist schon der geruch der ätherfetzen der frau schwester waltraud

" daß ich endlich schlafe "

was ist dieser geruch schon gegen den duft meiner einen und einzigen walderdbeere

fragte mich barbara mit ihrem mich von ihren schmerzen

von ihren offensichtlich unsagbaren schmerzen ablenken wollenden lächeln

des schnölla geht und sie endlich zum stöhnen aufhöre und endlich einschlafe

flüsterte barbara  mir zu und

wie  die frau oberschwester waltraud  der frau pflegerin milla

heute erklärt hat wie es " schnölla geht "

und daß die frau pflegerin milla morgen sonntag

die äthertücher " übernehme des endlich schloft "

weil sie morgen frei habe die frau oberschwester waltraud

und die oberschwester waltraud hat der milla gezeigt

wie man die äthertücher auf meine barbara preßt

mit der linken hand den kopf einmal streicheln dann fest halten

und dann mit der anderen hand pressen pressen pressen

die äthertücher " des endlich schloft "

auf die nase und den mund meiner barbara

die äthertücher werden endlich aus ihr herausgepresst in diese kälte

flüsterte meine barbara

sie würde durch diese fürchterlichen

das ende und die freiheit versprechenden winterfenster

aber schon tage und wochen nie dieses versprechen einhaltenden

offenen winterfenster hinaussteigen

diese offenen winterfenster !! flüsterte sie :  " ich will hinaussteigen "

wenn es ihr noch möglich wäre aus dem schwarzen eisengitterbett hinausklettern

statt hinter diesen verschlossenen kranken saaltüren hilflos liegen zu bleiben

würde sie durch die offenen winterfenster klettern

wenn es sein muss auf allen vieren flüsterte sie mir zu

mit ihrem mich trösten wollenden und

doch die schmerzen nicht mehr verbergen könnenden lächeln

aus dem fenster klettern und  über die triesterstrasse

und in die schubertgasse und  über die bahngleise in den föhrenwald hinein

und über den semmering  nach kindberg mit seinem maibaum

und dann nach arnoldstein

zum übernachten im stall vom wirtshaus wallner

und dann schnell nach italien

wenn es ihr körperlich also vom kopf und von den augen her noch möglich wäre

flüsterte sie in meinen - das ich ihr gesicht besser sehen kann

meinen auf ihre sauerstoffmaske gepressten mund

alle diese kindheiten werden aus ihr herausgepresst

diese schreckliche ungeheuerliche niederösterreichische provinzkindheit

diese kleinstädte mit ihren kranken häusern

diese bürger mit ihren nach unten zeigenden mundwinkel

die bürger in ihren fenstern auf ihre polster gelehnt

ihre herunterhängenden mundwinkel

siehst du ihren bösen blick ? stöhnte meine barbara in mein gesicht

ich war bis heute nacht von ihrem zittern getroffen

 vom anblick ihrer sauerstoffmaske getroffen von ihrem flüstern zu mir

 durch diese sauerstoffmaske hindurch getroffen vom flackern ihrer augen

von ihren zunehmend rissigen lippen getroffen

und getroffen von ihren nach und nach ausfallenden zähnen

und getroffen von ihren im bett liegenden haarbüscheln

getroffen von ihren hervorstehenden gelenken

dass ich an ihrem gitterbett  zu zittern begann und  mich in meinem zittern

über meine plötzlich immer ruhiger werdende barbara beugte

und ihre sauerstoffmaske anhob und mit meinem speichel

ihre unsagbar trockenen und rissigen lippen befeuchtete

und meine barbara umarmte und umklammerte und dabei derart zitterte

dass der mittlerweile beinahe ruhende körper

meiner barbara mit meinem körper wieder und wieder

und mit mir in einem erzitterte

und aus unserem zittern wurde ein einziges beben

und als ich vor erschöpfung nicht mehr zittern konnte

habe ich dann mit meinen sieben jahren geglaubt - dass barbara nun endlich schlafe

 

barbara lebt - seit heute nacht weiß ich es endlich und endgültig - barbara lebt

 

sie ist mir zu fuß entgegengekommen in der dämmerung entgegengekommen

am ufer eines dieser fürchterlichen kanäle entgegengekommen

war es dieser brevillier urban kanal oder der schöller bleckmann kanal

 der semperitkanal oder der spinnerei rohrbach kanal

mit den grünvioletten toten flusskrebsen am kanalrand 

welcher dieser fürchterlichen kanäle auch immer und

 es waren noch weitere kinder um meine barbara

der dinhobel franzi mit seinen frischen blauen onkelrudiflecken am kopf

meine siebenjährige frau die grotz maria und du unser kind unser barbarakind

das immer brav im leiterwagen warten musste

bis ich aus dem dürrngraben einen erlegten bären heimbrachte

und meine frau die grotz maria den bären kochte

und du endlich gefüttert werden konntest 

armes im leiterwagen so lange wartendes hungriges barbarakind

und du bist heute nacht angekommen

in der mitte aller kinder angekommen

und bist mir lächelnd entgegengekommen

und hast sehr leise in mein ohr gesagt dass es dir noch immer leid tue

dass dir damals der schwere schnitzelklopfer aus deiner kleinen hand gefallen sei

direkt auf meine nackten füsse am kalten küchenboden in der triesterstrasse

und dass es dir auch noch besonders leid tue

dass du damals in diesem fasching im spaß und voller freude

 als du noch ohne augen- und kopfschmerzen lachen und lächeln konntest

den tönernen harztopf vom baum im föhrenwald gehoben hast 

dieser föhrenwald in den ich dich täglich  mit unserem

selbstgebauten leiterwagen hineingezogen habe

unserem opel kapitän unserem lincoln continental

wie ich unseren leiterwagen immer nannte

ich wusste ja mit meinen sieben jahren nur von zwei automarken

opel kapitän und lincoln continental

und natürlich der grüne puchroller

mit dem ich manchmal

heimlich die triesterstrasse rauf und runter fuhr

natürlich stehend weil sonst die fußbremse nicht erreichbar

dieser föhrenwald der mir und meiner schwester barbara

 in diesem februar in diesem fasching der auf einmal  doch keiner mehr war

als ihr elend von einer nacht in die andere und in den tag hinein begann

als sie auf einmal beim haareschneiden beim triesterstrassenfriseur pecina

vor schmerzen schrie und ich nicht wissen konnte warum

als uns der föhrenwald diese eine und einzige walderdbeere

hervorgebracht und geschenkt hat

statt wie sonst wenn ende juni mitte juli die walderdbeeren reifen

fand meine barbara bereits in den ersten febertagen

diese erste und einzige walderdbeere

an der biegung des johannesbach beim oberen schwarzwirt hinter sankt ägiden

als wollte der wald es soll sein letztes geschenk sein

rot und reif

und ich pflückte diese eine walderdbeere

und legte diese walderdbeere sehr vorsichtig

in die kleine hand meiner barbara die mir lehrte

dass bereits eine einzige walderdbeere eine grosse kanne 

zum riechen - zum riechen nach tausenden walderbeeren bringen kann

zum riechen nach einer vollen kanne walderdbeeren bringen kann

und eine hand zum riechen bringen kann 

diese von barbara und von mir im letzten sommer stunden - und tagelang

gesammelten erdbeervollen weissen  zweiliter emaill milchkannen

zwei liter walderdbeerenkannen die wir in diesem letzten sommer

bei der triesterstrassenmilchfrau wesely

gegen ein kleines caterina valente abziehbild eingetauscht haben

mit unseren roten knien diesen erdbeerknien

diesen aufgeschürften föhrenwaldknien

was für ein teurer eintausch

und um mir den teuren eintausch vergessen zu machen

sangst du unser föhrenwaldlied

als du und noch ohne schmerzen

caterina valente nachahmen konntest

mit vier jahren bereits ihre lieder singen konntest

mit italienisch  deutschem caterina valente akzent und mit augenaufschlag

als du und noch ohne schmerzen

einen schlagersängerinnenaugenaufschlag

den schlagerinnensängerinnenaugenaufschlag

diesen einen und einzigartigen augenaufschlag imitieren konntest

 

" komm ein bisschen mit nach italien "

 

dieses caterina valente pickerl

das mir meine barbara in liebe und als ganz grosses geschenk

an meinem ersten schultag in mein erstes blaues ursus schulheft eingeklebt hat

und das mir von meinen nazilehrern und nazilehrerinnen weggenommen wurde

danke herr lehrer schlögl guten morgen frau lehrer reitmeier

grüß gott herr lehrer zohmann

guten tag frau  lehrer kirisits vergelts gott herr  lehrer siderits

bitte frau lehrer lautsch

entschuldigung herr lehrer novak darf ich aufs klo frau lehrer novak

 

bitte frau lehrer

 

weggenommen wurde und mir

bereits am zweiten schultag meine erste klassenbucheintragung eingebracht hat

und meinen ersten fünfer eingebracht hat

wir werden dir zeigen das du ein schulheft nicht zu beschmutzen hast

schon gar nicht mit katzelmacherbildern

glaub nicht das du was besonderes bist du und deine schwester

wir werden dir schon zeigen wo du hingehörst

 

freu dich nicht zu früh

 

noch heute barbara danke ich dir für dein mich lehren

wie ich alle diese sätze in mir verbrennen kann

alles zu jederzeit und überall verbrennen kann

vergessen alle diese sätze freu dich nicht zu früh

verbrennen und vergessen alle diese sätze aus dir wird nie was

verbrennen diese sätze du wirst noch in der baumschule landen

ach wäre ich doch in der baumschule gelandet

ich würde dir heute einen park erbauen

einen amselpark einen erdbeerpark einen wasserpark

einen engelpark einen barbaraengelpark einen bärbelengelpark

einen feenpark einen faunenpark einen pinienpark einen palmenpark gestalten

mit meinem neuen unerhörten baumschulwissen und baumschulkönnen

italienische parks mit tausenden

tuguri 

noch heute danke ich dir für dein mich lehren

wie eine einzige erdbeere in einer zweiliterkanne riecht

wie eine einzige walderdbeere in deiner hand riecht

deine kleine erdbeerhand

wie du mich gelehrt hast zu verbrennen zu riechen und zu sehen 

diese eine erdbeere dieses harz am baum riechen 

diesen warmen flaum der amseln in den leeren harztopfnestern sehen lernen

diesen noch warmen amselflaum fühlen lernen

das amselnest riechen gelernt

alles fühlen alles riechen gelernt

in deinem gesicht den geruch des ätherfetzens riechen gelernt

die kreide riechen gelernt die ich dir heimlich aus der schule mitbrachte

in deiner kleinen hand die walderdbeere riechen gelernt

immer alles und in allem riechen gelernt

alles verbrennen gelernt alles vergessen gelernt alles sehen gelernt alles lieben gelernt

amseln lieben gelernt amselflaumwärme lieben gelernt mich meinen mut gelernt

mich meine ohnmacht vergessen gelernt stattdessen alles verbrennen gelernt

selbst noch mit schmerzenden barbaraaugen mich alles sehen gelernt

und  meine barbara beugte sich an diesem kalten februartag

über ihre kleine geöffnete hand

diese kleine weiche hand mit dieser einen walderdbeere und flüsterte

 

erde riecht 

 

es tue dir leid  sagtest du heute nacht zu mir dass du dir

diesen harztopf als  faschingskinderhut

fröhlich gemeint auf deinen kopf gesetzt hast

und dass dir das frische föhrenharz über den kopf

und über deine blonden haare geronnen und geflossen sei

es tue dir leid dass du mir mit deinen harzhaaren

mit deinem nunmehrigen harzkopf  soviel angst gemacht hast

dass ich dich auf einen baumstamm gesetzt habe

und in dieser angst zur triesterstrassenküche gelaufen sei

und aus der schublade die grosse schere genommen habe

diese fürchterliche grosse schere

die meiner barbara und mir seit wie lange schon 

immer nur als selbstmordschere bekannt war

und  dann mit dieser unsagbaren schere in den föhrenwald zurück

und habe die haare meiner barbara und zwar alle abgeschnitten

weil wir beide gedacht haben

wir könnten uns mit diesem harzkopf nicht sehen lassen

„ zuhause „ wie meine barbara immer sagte nie mehr sehen lassen

meine barbara sagte immer noch " zuhause "

als es mir schon lange nicht mehr gelang von einem " zuhause " zu sprechen 

noch heute danke ich dir für dein wort vom " zuhause "

durch dieses von dir geschaffene wort habe ich eine ahnung

oder soll ich sagen sehnsucht

von einem " zuhause " bekommen von einem zuhause das es nie gegeben hat

ich wollte kein zuhause suchen das es nicht gibt

und doch hast du mir ein zuhause gezeigt das ein zuhause sein könnte

oder sein hätte können

auf den knien danke ich dir dass du alle diese worte von der erde die riecht

und besonders dieses eine zuhausewort in mein gesicht geflüstert hast

und vor allem dieses zweite wort : i t a l i e n

dieses italien das in unseren kinderbuchträumen immer so gut zu uns gewesen ist

das du immer dieses eine wort in mein gesicht geflüstert hast 

an deinem kranken bett in mein gesicht geflüstert hast

immer und überall und behutsam

alle die letzten stunden und tage und wochen und monate

zärtlich in mein gesicht flüsternd sagtest du

bitte lass mich gehen bitte gehen sagtest du gehen gehen gehen

in unserem wald  sagtest du wir könnten uns mit diesem harzkopf

 " zuhause " nicht sehen lassen

mit deinem haarlosen harzkopf und meinem verschwitzten dunkelroten

und sofort wieder kreideweissen nein ascheweissen gesicht

" zuhause " nicht sehen lassen

weil dann sicher und sofort wieder

die angstschere aus der küchenschublade

 in die selbstmordhände gekommen wäre 

unsere ängste anzündenden zitternden selbstmordhände

und seit dieser heutigen nacht in der barbara mir beinahe verlegen und schüchtern

die sache mit dem schnitzelklopfer und dem harztopf und mit dem harzkopf

in mein gesicht und in mein ohr geflüstert hat

seit dieser nacht weiß ich dass barbara lebt

ich weiß auch dass ich zu weinen begonnen habe

vor freude heute nacht zu weinen begonnen habe

vor freude über unser wiedersehen vor freude über barbara und mich

und ich habe - es war vier uhr fünf und vierzig

immer wenn ich besonderes erlebe oder zu leben oder zu sterben beginne

ist es und zwar exact vier uhr und fünf und vierzig minuten nachts 

 

da kann sein was es will

 

und ich habe ihre abgeschnittenen haare aus meiner sechzig  jahre alten 

blechschatulle herausgenommen und an meine wangen gehalten

und ich habe meiner barbara gesagt dass mich noch nie wie ich heute weiß

noch nie in meinem ganzen langen leben ein schmerz in stolz und glück

 und eine todesangst in eine liebe und einen lebenssinn hineingeführt haben

wie damals der schmerz ihres herabfallenden schnitzelklopfers

auf meine nackten zehen

und wie damals diese todesangst vor unserem „ zuhause „

im angesicht des verharzten kopfes meiner kleinen barbara

und wie damals und bis heute dieser lebenssinn

mit diesem barbarawort von der erde - die riecht

und mit deinem lächeln und deinem barbarawort :

 

gehen gehen gehen

 

wie du immer und alles und behutsam in mein gesicht geflüstert hast

und dein italien und mein italien und unser italien in mein gesicht geflüstert hast

das gesamte italien das uns immer so gewogen war

das immer so gut zu uns war in unseren träumen

wie du das gesamte italien in mein gesicht geflüstert hast

in dein und mein glückliches gesicht geflüstert hast

und ich dir in dein weisses gesicht geflüstert habe

an deinem toten bett in diesem kranken haus versprochen habe

ich hebe dich aus diesem schwarzen eisengitterbett heraus

ich hebe dich aus diesem offenen fenster hinaus

und wir gehen nach italien wohin sonst

in unser italien unser kinderbuchitalien

wir werden ganz einfach in den tuguri schlafen wenn es dunkel wird

und dann gehen wir zu unserem kleinen antonio nach rom

der seinen esel auf dem er touristen reiten lässt

nicht mehr durchfüttern kann weil das geld trotz allem nicht reicht

und dem der stall genommen dem sein tugurio in travestere genommen wird

wegen diesem unsagbar traurigen neuen stadtteil

diesem unendlich neuen traurigen quarticciolo

und wir geben ihm unser vorletztes geld

auf unserem fußweg durch unser italien

das immer so gut war zu uns

und dann mit unserem letzten geld und zu fuß

über die basilicata durch den cilento nach pizzo auf ein eis

zu don pippo de maria auf ein eis

zu diesem wunderbaren und einzigartigen und erfinderischen

don pippo de maria

wie alle italienischen kinder irgenwann in ihrem leben

nach pizzo und zu don pippo di maria auf ein eis gehen wohin sonst sagtest du

wohin sonst sagtest du gehen wir föhrenwaldkinder

weißt du noch dein letztes lächeln als ich für dich noch langsamer flüsterte

 

d o n    p i p p o    d e    m a r i a 

 

alles meiner barbara versprochen alles die jahre gesagt alles geflüstert

alles barbara vorgelesen

in allen diesen triesterstrassennächten diesen italienischen träumen

diesen kinderbüchern mit diesem italien diesen antonios und ihren eseln

diesen eismachern diesen don pippos de maria 
dieser schmerz diese angst und diese worte habe ich meiner barbara heute nacht um

 vier uhr fünfundvierzig

gesagt haben mich damals in die liebe und in ein glück

und in einen sinn hineingeführt um 4 h 45

und in einen unerhörten siebenjährigen bubenstolz hineingeführt

stolz dass ich ihre haare und ihren harzigen kopf ( und meinen kopf ) gerettet habe

und stolz dass ich diesen schmerz in meinen zehen

so tapfer ertragen habe -  und glücklich über die kraft die ich spüre

und die es erfordern würde

mit der ich meine barbara - wenn es denn endlich

und vor unseren entsetzten geöffneten augen

wenn es denn so weit gewesen wäre

mit dem anblick des selbstmordes durch diese selbstmordschere

dass ich sie sicher

vor diesem anblick mit aller kraft bewahrt hätte

jede nacht in meinen langen nächten

durchgespielt und genauestens durchprobiert und durchgeführt

in gedanken und wachträumend penibel vorbereitet

in meinem bett mit meinen sieben jahren immer mehr meine kraft spürend

wie ich mich auf meine barbara werfe und meine barbara

mit dem gesicht nach unten zu boden werfe

sei der auch noch so hart sei der auch noch so kalt

 der triesterstrassenküchenbetonboden

und wie ich meiner barbara mit aller kraft 

meine kleinen siebenjahrehände auf ihr gesicht und auf ihre augen presse

um ihr den anblick zu ersparen

und wie ich ihr zur letzten ablenkung ein caterina valente lied

d a s    caterina valente lied unendlich laut zu singen beginne

 

ein schiff wird kommen

 

und ich werde sie anschreien

um ihr das geräusch der sich schließenden schere zu ersparen

 

und  es  bringt  dir  den  einen

den  du  so  liebst  wie  keinen

 

um meine barbara vor dem scherenselbstmordanblick

und vor dem scherenselbstmordgeräusch zu bewahren

und :  immer immer immer davor bewahren werde

alles das habe ich meiner barbara heute nacht zugeflüstert

auch dass mir so etwas wie eine atemlose trauer geblieben sei

vielleicht auch eine trauernde atemlosigkeit

dass ich dich damals in dieser krankenhausnacht mit den offenen fenstern

und an deinem elenden kalten vereisten bett

mit diesem elenden schmierigen  weissen rauhreif

auf deiner eisbettdecke und dem kaltharten leintuch 

nicht doch habe  bewahren können

vor den oberschwestern dieser welt mit all ihren ätherfetzen

und mit meinem hämmernden herzen nicht retten habe können

nicht verstehen habe können deinen satz

 

ichgehejetztzuhause 

 

nicht stehen nicht aufstehen nicht auferstehen helfen habe können

nicht gehen nicht weggehen habe helfen können

und vor allem in meiner so alten siebenjährigen wundgeschwiegenheit

keine antwort auf deine frage gewusst habe

 

" warum nur  ein bisschen   mitkommen nach italien "

 

zitternd an deinem kranken bett keine antwort gewusst wieder keine 

aber heute nacht - aufstehen und durch das geöffnete fenster hinaus in die welt

in die welt hinter den kranken häusern

mit diesem endlich aufstehen auferstehen

 mit diesem hämmern in meinem herzen

hat mich alles in dieser nacht in das aufstehen auferstehen

in eine antwort unsere antwort

und in die liebe geführt in die liebe und zwar für immer 

wie  bereits damals

 mit deinen abgeschnittenen langen blonden harzhaaren

und der selbstmordschere in der linken hand

und mit dir barbara an der anderen hand

 beinahe schon furchtlos mit unseren verschwitzten gesichtern

beinahe schon stolz

die alten bröckelnden roten ziegelstufen zu unserem „ zuhause „ hinaufsteigend

haben wir uns damals hand in hand bereits damals

 in  eine immerwährende liebe und in eine antwort hineingeführt

an jenem winternachmittag - in der kalten triesterstrassenküche

 

das habe ich heute nacht meiner barbara zugeflüstert

 

mit meinen tränen

 

- ende -

 

teil II  :

 

übernächster eintrag : triesterstrasse 52 der liebe wegen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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